Von der Reparatur zur Gesundheitserziehung

Naturheilkunde verlangt aktives Mitwirken des Heilungssuchenden

(Verfasserin: Barbara Stamm MdL1)

 

In der Bevölkerung  wird immer häufiger der Wunsch nach einer natürlichen Heilweise geäußert. Auch Angehörige der Heilberufe wenden sich den Naturheilverfahren vermehrt zu, wie dies verschiedene Befragungen und eine immer größer werdende Teilnehmerzahl bei einschlägigen Fortbildungsveranstaltungen zeigen.

 

Allerdings gibt es keine allgemein verbindlich anerkannte Definition für den Begriff "Naturheilverfahren". Die verschiedenen Sichtweisen könnten in folgender Zusammenfassung einen gemeinsamen Nenner finden:

 

Naturheilverfahren wenden sich - so heißt es in der Definition des Zentralverbandes der Ärzte für Naturheilverfahren - an die körpereigenen Heil- und Ordnungskräfte und bedienen sich, um diese zu aktivieren, bevorzugt in der Natur vorkommender Mittel und Erscheinungen, um den Menschen diagnostisch oder therapeutisch in seiner Ganzheit  zu erfassen. Diese Heil- und Ordnungskräfte sollen dann den Organismus zu Gegenregulationen anregen. So sollen Leiden und Krankheiten gelindert und möglichst geheilt werden, und darüber hinaus die lebensnotwendigen Grundrhythmen der Patienten, vor allem Wachen und Schlaf, Essen und Trinken, Stoffwechsel und Ausscheidung, Sexualität und alle übrigen Lebensäußerungen, auch die von Gefühl und Willen, sollen  eine bessere, die Gesundheit fördernde und erhaltende Ordnung erfahren.

 

Dieser Anspruch kennzeichnet ein Verständnis der Medizin, das von der kurzfristigen Heilbehandlung und Reparatur zur langfristigen Lebensgestaltung und Gesundheitserziehung weist.

 

Zu den wichtigen Anforderungen an das ärztliche Wissen gehört es, Möglichkeiten und Grenzen von Behandlungsverfahren zu erkennen. Diese Fähigkeit zu vermitteln, ist Aufgabe der ärztlichen Aus- und Weiterbildung.

 


Zusatzbezeichnung "Naturheilverfahren"

So sieht die Weiterbildungsordnung für die Ärzte Bayerns in ihrer Neufassung vom 1. Oktober 1993 die Möglichkeit des Erwerbs der Zusatzbezeichnung Naturheilverfahren vor. In einem festgelegten Ausbildungsgang werden besondere Kenntnisse und Erfahrungen, z.B. im Bereich der Ernährungstherapie, der Phytotherapie und der Hydro- und Thermotherapie, vermittelt.

 


Naturheilkunde und Akutmedizin

Den Verfahren richtig verstandener Naturheilkunde stehen die der Akutmedizin keineswegs unverträglich gegenüber, sondern beide können einander sinnvoll ergänzen. In sehr vielen Fällen ist es erforderlich, Kranke zunächst einmal mittels akutmedizinischer Maßnahmen zu einem Zustand zu verhelfen, in dem sie dann Naturheilverfahren mit Aussicht auf Erfolg anwenden können.

 

Verfahren der Naturheilkunde erfolgreich anzuwenden setzt nämlich in aller Regel ein aktives Mitwirken der Heilungssuchenden voraus. Diese müssen erkennen, dass sie zu allererst selbst für ihre Gesundheit verantwortlich sind. In einer Zeit, in der die technischen Möglichkeiten der medizinischen Diagnostik und Therapie gewaltige, kaum erahnte Fortschritte machen und immer öfter bei einer Abweichung von der biologischen Norm eine medizin-technische Intervention denkbar wird, ist das Einbringen solcher auf den einzelnen ausgerichteter Werte notwendiger denn je. Die Verantwortung für Gesundheit liegt zu allererst bei jedem einzelnen. Über die allgemein vergleichbaren, biologisch organischen Grundlagen hinaus ist jeder Mensch ein besonderes, sozial geprägtes Individuum, hat eine ganz persönliche Biographie. Diese lebensgeschichtliche Prägung beeinflusst seine Vorstellungen von Gesundheit ebenso wie sein Verständnis dafür, wann er krank ist, der Hilfe bedarf oder welchen Weg der Heilung er sucht.

 

Aufgabe des Staates oder anderer Organisationen, die sich um Gesundheit bemühen, kann es deshalb nicht sein, den einzelnen durch allgemein gültige Patentlösungen zu bevormunden. Der einzelne muß vielmehr erkennen, wie er durch sein konkretes Verhalten, durch seine individuellen Lebensumstände und durch seine subjektiven Lebensziele sich selbst nützt oder schadet. Ein entsprechender Beitrag zur Gesundheitsbildung kann deshalb nur darin bestehen, dem einzelnen das nötige Wissen, die sinnvollen Einstellungen, die adäquaten Verhaltensweisen für Gesundheit vor Augen zu führen.

 

Nicht eine Philosophie des "du sollst" oder "du sollst nicht" ist gefragt, sondern vielmehr ein - vielleicht gelegentlich provokantes - Anstoßen von selbstkritischen Denkvorgängen im einzelnen Menschen. Es bleibt dann allein Sache des mündigen und verantwortlichen Bürgers, sich kritisch mit seinen individuellen Lebensumständen auseinanderzusetzen und gestaltend in seiner eigenen Lebensplanung aktiv tätig zu werden.

 


Gesundheitserziehung

Angesichts der Zunahme von Erkrankungen als Resultat unvernünftiger Art und Weise der Bedürfnisbefriedigung wird die Forderung, der Heilkundige müsse auch Gesundheitserzieher sein, aktueller denn je. Und hier treffen sich Kernpunkte der Strategie der Prävention mit Kernpunkten des Selbstverständnisses der Naturheilkunde: Es ist eben ein wichtiges Spezifikum der Naturheilkunde, dass sie dem Patienten bewusst machen muß, wie entscheidend es von ihm selbst abhängt, ob er gesund wird oder nicht. Sie wirkt in diesem Sinne rehabilitativ und präventiv und lässt die Verantwortung für Gesundheits- und Lebensplanung beim mündigen Bürger. Unschwer ist auch zu sehen, dass dieses Ziel der Naturheilverfahren genau dem entspricht, worin heute viele in Politik, Wissenschaft, Verbänden und Administration den einzig möglichen Rettungsanker für das Schiff Gesundheitswesen sehen, das in der Kostenflut und im Meer der Ansprüche unterzugehen droht.



1
Erstveröffentlichung
Mit freundlicher Genehmigung von Frau Barbara Stamm, MdL,
Gründungsmitglied des "Verein für Forschung und Lehre in der Naturheilkunde", 2002

 

aus:

"Naturheilverfahren für die Ärztliche Praxis" (Perimed-Spitta-Verlag, Balingen/1994)

Dr. med. R. M. Bachmann, Facharzt für Allgemeinmedizin, Naturheilverfahren,  Balneologie und Medizinische Klimatologie, Hahnenfeldstr. 24, 86825 Bad Wörishofen und

Prof. Dr. med. R. Saller, Lehrstuhl für Naturheilkunde, Universität Zürich Rämistr. 100, CH - 8091 Zürich